Interview: Fragen an den Unternehmerverband

Wo liegen nach Auffassung Ihres Verbandes die Stärken und Schwächen im Südtirol von heute?

Nach Auffassung von Direktor Negri steht Südtirol relativ gut da. In Südtirol herrscht großer Wohlstand, es herrscht ein hoher Beschäftigungsgrad und das Land verfügt über ein hohes Pro Kopf Einkommen.

Südtirol hat auch die Finanzkrise aus dem Jahr 2008 gespürt. Die Industriebetriebe haben schnell reagiert und neue Absatzmärkte gesucht. Die Exportleistungen sind seit der Krise stark gestiegen. Im Jahr 2009 wurden 3 Mrd. € exportiert, im Jahr 2015 waren es schon 4,4 Mrd. €. In Südtirol laufen alle Wirtschaftssektoren gut. Die Industrie ist auch im ländlichen Raum der größte private Arbeitgeber. Die Industriebetriebe sind so gut in der Umgebung und in der Umwelt eingebunden und angepasst, dass sie gar nicht auffallen. So unauffällig sie sind, würde niemand vermuten, dass es der größte Wirtschaftssektor in Südtirol ist, sowohl an Wertschöpfung als auch an Beschäftigten.

Wo drückt der Schuh die Unternehmen am meisten?

Die Hauptprobleme sind sicherlich die überbordende Bürokratie, die extrem hohe Steuerlast, die Kosten der Energie und die Erreichbarkeit.
Unter Erreichbarkeit ist nicht nur die Verkehrs-Anbindung mit Autobahn, Eisenbahn und Flugzeug gemeint, sondern vor allem die Offenheit gegenüber den anderen Ländern, vor allem auch von Ländern außerhalb Europas. Man darf nämlich nicht vergessen, dass in Zukunft 90% des Wachstums nur noch außerhalb Europas stattfinden wird. Es wird also darum gehen, das Wachstum und die Wertschöpfung aus der Welt nach Südtirol zu bringen. Dafür ist die Südtiroler Industrie gut aufgestellt. Einige Südtiroler Betriebe sind Weltmarktleader in Marktnischen. Und alle Unternehmer sind vor allem auf Südtirol bezogen und stark mit dem eigenen Land verbunden.

Warum ziehen so viele Unternehmen ins benachbarte Ausland, wenn es in Südtirol so gut läuft?

Die Expansion nach Osttirol oder nach Österreich erfolgt für einige Unternehmen, weil die Ausweitung der Produktionsanlagen dort viel schneller umgesetzt werden kann: Die Antwortzeiten der Bürokratie sind um einiges schneller, was bei uns Jahre dauert, geht dort in einigen Monaten.
Ein weiterer Grund für die Verlagerung der Produktion und Wertschöpfung in europäische Nachbarregionen ist der immens hohe Steuerdruck in Italien. Durchschnittlich verdienen Unternehmen in Österreich ca. 15 % mehr, bei gleich hohen Produktionskosten. Dieser Mehrverdienst wäre wichtig für Investitionsrücklagen, diesen Steuervorteil würden die Unternehmer aber auch sehr gerne an die Mitarbeiter weitergeben: Wer leistet, soll auch gut verdienen.
In Südtirol schaffen es die Betriebe, diesen hohen Steuerdruck durch eine sehr hohe Arbeitsproduktivität der Mitarbeiter auszugleichen. Die Mitarbeiter in Südtirols Betrieben zeichnen sich durch hohe Motivation und durch eine starke Identifikation mit dem Unternehmen aus. Dies macht Südtiroler Unternehmen so stark und hilft, die übergroße Steuerlast zu überwinden.

Andere Verbände beklagen die fehlende Rechtsunsicherheit in Italien. Sieht Ihr Verband dies auch so?

Die fehlende Rechtssicherheit in Italien ist ischer ein großes Manko. Einerseits sorgt die unsichere Rechtslage für großen Unmut in Unternehmerkreisen, die viel zu lange Prozessdauer bei den Gerichtsverfahren ist aber das weit größere Problem.
Für mehr Rechtssicherheit würde der Abbau von Gesetzen sorgen. Zugleich würde auch der Bürokratieabbau endlich stattfinden können.
Die Gesetze sollten künftig immer mehr nur jene Gebiete regeln, wo Verbote nötig sind. Alles was nicht geregelt ist, soll erlaubt sein. Die Vorstellung, alles regeln zu wollen, was erlaubt ist, führt zur bekannten aktuellen Gesetzesflut. Wenn alles erlaubt wird, was nicht explizit geregelt wird, dann braucht es mehr Eigenverantwortung. Und der Neidfaktor gegeneinander muss unbedingt eingeschränkt werden.

Gibt es auch Probleme bei der Aus- und Weiterbildung?

Ausbildung und Bildung ist ein wichtiger Faktor für hoch qualifizierte Arbeitsstellen. Deshalb braucht es gute Schulen und vielseitig ausgebildete Fachkräfte.
Das duale Ausbildungssystem ist in Italien aber leider nicht bekannt. Mit der gegenwärtigen Rechtslage gibt es auch in Südtirol Probleme mit der Ausbildung von Lehrlingen und jungen Facharbeitern. Negri hofft, dass Italien in diesem Bereich von Südtirol lernt und die Gesetze anpasst. Dies würde auch unseren Betrieben helfen.

Können die Probleme im Rahmen der derzeitigen Autonomie gelöst werden?

Für die Behebung der gegenwärtigen Problemfelder ist es sicherlich nötig, die Autonomie auszuweiten. Sie ist heute nicht ausreichend, obwohl vieles schon heute von Südtirol selber geregelt werden könnte. Es bräuchte nur mehr Mut dazu. Und die Einschätzung der Südtiroler zu den eigenen gesetzlichen Gestaltungsmöglichkeiten muss sich erhöhen. Wir selber schätzen die Landesgesetze als weniger wichtig ein, als sie effektiv sind. Wo Südtirol die primäre Gesetzgebungskompetenz hat, zählen nach Auffassung des Geschäftsführers Negri die Landesgesetze und nicht die nationalen Gesetze und Bestimmungen.

Der Ausbau der Autonomie sollte aber nur im europäischen Kontext erfolgen. Die Umsetzung von EU-Richtlinien direkt von Südtirol ist wünschenswert und wurde letzthin auch vermehrt versucht. Für die Zukunft muss der EU eine bedeutende Rolle zugewiesen werden und Europa soll als Wertegemeinschaft definiert werden und von den EU-Staaten nicht als Bankomat missbraucht werden.

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